Manchmal reicht eine Cafétoilette in Pula.
Eine persönliche Beobachtung über Gewöhnung, kulturelle Unterschiede und die kleinen Veränderungen des Alltags in Kroatien
Man sagt, der Mensch könne sich an fast alles gewöhnen.
Nach etwas mehr als drei Jahren in Kroatien würde ich sagen: Da ist etwas dran. Anfangs wundert man sich über vieles. Später weniger. Irgendwann gehört es einfach zum Alltag. Man nimmt Dinge wahr, registriert sie kurz und geht weiter.
Dazu gehören bei mir tatsächlich auch Toiletten.
Ja, genau. Toiletten.
Genauer gesagt: die Toiletten in Restaurants, Cafés und Konobas.
In den ersten Monaten habe ich mich regelmäßig gefragt, wie es eigentlich sein kann, dass manche Betriebe die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe bekommen. Warum fehlt schon wieder das Toilettenpapier? Weshalb sind die Papierhandtücher leer? Warum funktioniert der Türverschluss nicht? Und vor allem: Warum scheint das niemanden zu stören?
Besonders interessant wird es dann, wenn man zuvor in einem Restaurant sitzt, in dem alles stimmt. Die Terrasse ist wunderschön. Das Essen hervorragend. Die Bedienung freundlich. Die Einrichtung modern. Offensichtlich wurde investiert.
Und dann öffnet man die Tür zur Toilette und fühlt sich, als wäre man versehentlich in einem Nebengebäude aus den 1980er-Jahren gelandet.
Natürlich ist das nicht überall so. Es gibt wunderbare Ausnahmen. Moderne, saubere und gepflegte Sanitäranlagen findet man ebenfalls. Aber über die Jahre entstand bei mir immer wieder der Eindruck, dass die Toilette in vielen Betrieben nicht dieselbe Aufmerksamkeit erhält wie Gastraum, Küche oder Terrasse.
Besonders faszinierend finde ich dabei die Sache mit den Türverschlüssen.
-Man schließt die Toilettentür hinter sich und stellt fest, dass Privatsphäre offenbar auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Manchmal fehlt der Verschluss komplett, manchmal ist er zwar vorhanden, hat seine eigentliche Aufgabe aber schon vor längerer Zeit aufgegeben.
Dazu kommen die kleinen Überraschungen des Alltags: Der Toilettenpapierhalter ist leer, die Papierhandtücher bereits verschwunden und der Seifenspender befindet sich offensichtlich in einer kreativen Pause.
Das klingt jetzt vielleicht kritischer, als es gemeint ist.
Denn mit der Zeit passiert etwas Interessantes.
Man gewöhnt sich daran.
Irgendwann wundert man sich nicht mehr. Man nimmt zur Kenntnis, dass kein Papier vorhanden ist, zuckt mit den Schultern und sucht nach einer praktischen Lösung. Das, was anfangs ungewöhnlich erschien, wird plötzlich normal.
Bis vor wenigen Tagen.
Ich saß in einem Café direkt am Markt in Pula. Kein Luxuslokal. Kein besonders exklusiver Ort. Einfach ein nettes Café, wie man es überall finden könnte. Als ich die Toilette aufsuchte, erwartete ich ehrlich gesagt nicht viel.
Und genau deshalb war ich überrascht. Die Toiletten waren modern. Sauber. Gepflegt. Alles funktionierte. Toilettenpapier war vorhanden. Die Papierhandtücher ebenfalls. Die Seife war aufgefüllt. Selbst der Türverschluss erfüllte zuverlässig seinen Zweck.
Während ich dort stand, musste ich schmunzeln. Nicht wegen der Toilette. Sondern weil mir plötzlich bewusst wurde, dass ich etwas als bemerkenswert empfand, das ich früher wahrscheinlich als völlig selbstverständlich angesehen hätte.
Und genau das ist vielleicht eine der spannendsten Erfahrungen beim Leben in einem neuen Land.
Nicht die großen Unterschiede verändern den Blick auf die Welt.
Sondern die kleinen.
Die Dinge, über die man sich anfangs wundert. Die Dinge, an die man sich gewöhnt. Und die Momente, in denen einem plötzlich auffällt, wie sehr sich die eigene Wahrnehmung inzwischen verändert hat.
Manchmal braucht es dafür keine großen Ereignisse.
Manchmal reicht eine Cafétoilette in Pula.
